Etwas sensationell Neues – Marburg um 1910 in Farbfotografien von Georg Mylius

– Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv Marburg – Redaktion Murk, Karl (= Schriften des hessischen Staatsarchivs Marburg 37). Hessisches Staatsarchiv Marburg, Marburg 2019. 128 S., Abb. Angezeigt von Gerhard Köbler. ZIER 9 (2019) 60. IT

Irgendwie ändert sich das Universum seit seinem Beginn ständig in Einzelheiten, auch wenn es als solches grundsätzlich bestehen bleibt. Wenn um 1910 eine Reihe stattlicher Rotbuchen in vollem Laub in dem Lichte stand, haben sie längst ihre Blätter und vielleicht auch schon ihr Leben verloren. Dessenungeachtet kann aus dieser fernen Zeit ein erhaltenes Lichtbild mit dem Titel Herbstgold am Hansenhaus auch in der Gegenwart selbst den entferntesten Betrachter erfreuen und in ihm, der die Bäume selbst niemals gesehen hat, viele farbige Vorstellungen und Empfindungen erzeugen.

 

Aus diesem gedanklichen Hintergrund heraus entstand die Idee einer Ausstellung von Farbfotografien Georg Mylius‘, über deren Vorgeschichte Reinhard Forst zu Beginn des schmalen einladenden Begleitbands berichtet. Danach wurden in den frühen 1980er Jahren zwei Marburger Hobbyfotografen von dem in dem Staatarchiv Marburg tätigen Restaurator Ludwig Ritterbusch auf dort verwahrte Farbfotos aufmerksam gemacht, von deren Originalplatten Anna Woischke und Dieter Woischke daraufhin Dias erstellten. Dem Verfasser war diese Vorgeschichte zunächst unbekannt, doch stieß er bei der Beschäftigung mit Ansichtskarten von Lebensstationsorten auf 1911 veröffentlichte Farbfotoansichtskarten Georg Mylius‘, über die er in weiteren Recherchen zu der Enkelin Ulrike Mylius-Fauler in Dresden und zu einer lückenlosen Biographie des an dem 19. Juli 1884 als Sohn des Apothekers Ernst Mylius in Freiberg in Sachsen geborenen, 1906 in Marburg immatrikulierten Georg Mylius gelangte.

 

In dem Ergebnis ließ sich auf dieser Grundlage eine Ausstellung der Farbfotografien verwirklichen, die der Begleitband einfühlsam umreißt. Seine elf, der kurzen Vorgeschichte folgenden Beiträge einzelner Autorinnen und Autoren betreffen Georg Mylius als Studenten und Doktoranden in Marburg sowie in der Industrie in Hamburg und Dresden, die sensationell neuen Autochrome von Marburg in Farbe, das Verhältnis zu dem Verlag N. G. Elwert, die Motive der Farbfotografien, die frühen Farbfotoansichtskarten, die Farbfotografie mit Autochromeplatten, eine Auswahl aus den Autochromen, Jakob Schulz als Zeitgenossen mit dem gemalten Winter und schließlich die gewerbliche Fotografie in Marburg von dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zu dem ersten Weltkrieg. Zahlreiche Abbildungen veranschaulichen die liebliche Stadt an der Lahn und die frühen Anfänge der Farbfotografie für jeden an Geschichte, Natur und Technik Interessierten, wofür allen Beteiligten sehr zu danken ist.

 

Innsbruck                                                       Gerhard Köbler